Nanne Meyer Buch XIX 2006 / 2007
(Textauswahl)
Zitate und vorgefundene Texte bzw. Worte (collagiertes), die nicht von Nanne Meyer sind, sind in Anführungszeichen gesetzt.
Eine Reise nach China
Berlin Palast-Demontage
Lanzhou Luftschloßbrigade
Vorfahren der Bäume
Festina Lente
Ahnung von einem Stein Umriss von einem Stein Zeichnung von einem Stein Erinnerung an Kieselsteine Sand gewesener Stein
Steine mit unregelmäßiger Form und Oberfläche, in die man allerhand Vorstellungen hineinassoziieren kann nennt man in China Komische Steine. Die Chinesischen Kaiser ließen sich solche Steine in ihren Gärten zu Miniaturgebirgen anhäufen, um auf diese Weise Unterhaltung zu finden.
Dabei sind die Steine selbst überhaupt nicht komisch. Wenn etwas komisch ist, dann ist es die Fähigkeit menschlicher Hirnwindungen, die es möglich machen zB. einen Hasen in einem Stein zu sehen und beides nicht miteinander zu verwechseln.
Mao beim Ping (Pong war damals unerwünscht)
Blaues durch die Blume sehen Hinterglasmalerei
im Regen halbschlafend
Chinesische Grundausstattung 1= Fahrrad 2= Schirm 3= Schale 4= Stäbchen gelb = städtische Beigabe: schlechte Luft (gratis) grau = Grundlage: flüchtig, holprig, ungewiss
Ja des Hundes
„Nicht spucken und nicht ins Gesicht niesen, die parteiamtliche „Volkszeitung“ veröffentlicht erstmals Leitlinien für Chinesische Touristen ................“
Wer das Klima verändert greift das Leben an
Bin ich der Volksmund?
Hecht im Reusengefecht
eine Ansicht kann eine Person sein zB.
ich ersiees wirihrsie oder Garderobenhaken [Aufsicht] Hut vom grünen Zwerg grün von Blei = Zeichnung Zeichen für ein Tännlein Indiviensalat In di vi duum?
In die wie du um? In die wie dumm? Dideldum? Was wer? Fragepronomen der das auf hinter neben über unter vor zwischen Präposition was ist ein?
„Eines haben die bettelarmen Wanderarbeiter“ Liederliche Locations
„Und meine Reisen nach China haben wahrhaftig wenig Bedeutung
verglichen mit den tastenden Schritten im Dunkeln vom Bett zur Küche, auf der Suche nach einem Glas Wasser“ [Ennio Flaiano]
Afrika
Europa – Erinnerungskontinente aus Würzburg. Eine Frau ordnet die Welt neu und glotzt dabei eine Kuh an – was nun? Während ein Typ mit blauer Jacke sich von hinten an sie ranmacht ohne es zu merken. Was dachte Tiepolo?
zu grau zum leben
zu bunt zum beten
überraschungsresistente Prognosen
suboptimale Wahrscheinlichkeiten
Schnee von gestern ist Matsch von morgen
die Zukunft als freie Projektionsfläche von Erwartungen gibt es nicht mehr
eingekreistes irgendwann
Läßt sich der Weltuntergang verschieben? [Nairobi Klimagipfel]
über-unter
In einem Monat ist nächstes Jahr
In dreizehn Monaten ist übernächstes Jahr
In fünfundzwanzig Monaten ist überübernächstes Jahr usw.
Wenn die Sprache anders denken würde hieße es:
In dreizehn Monaten ist zurücknächstes Jahr
Aber weil wir denken und die Sprache nicht, kommt es meistens anders als wir denken.
vor – zurück
vor zwölf Monaten war letztes Jahr
vor vierundzwanzig Monaten war vorletztes Jahr
vor sechsunddreißig Monaten war vorvorletztes Jahr usw.
bzw. vor vierundzwanzig Monaten war unterletztes Jahr
Zeit vergeht allerdings auch ohne dass wir denken, aber unser Denken braucht Zeit
Eine Jalousie# kann ein Blumenstrauss sein – und umgekehrt
# auf Deutsch: eine Vorrichtung, die den Lichteinfall (1) reguliert (1) kann auch eine Idee sein
#Französisch: Eifersucht
Verhältnis von Tun und Sehen
„Es gibt eine Fremdheit des Alltäglichen, die der imaginären Zusammenschau des Alltäglichen entgeht, dessen Oberfläche eine vorgeschobene Grenze ist, ein Rand, der sich auf dem Hintergrund des Sichtbaren deutlich abzeichnet.“ (Michel de Certeau)
Die Schweiz im Nebel
Sehnsucht besteht zur Hälfte aus Wasser (fast)
Kartografisches Unglück
Wurzeln, die nicht schlagen wollen
Blumen wollen nicht berühmt werden (auch Kunstblumen nicht)
Die Welt hängt an einem überbelichteten Faden
Kann man einen Heiligen zur Rechenschaft ziehen?
Dieses sensationelle Foto gelang einem Reporter aus Bochum, die einzige Aufnahme, die von Kyrill existiert.
KYRILL, mittelalterlicher Heiliger, Schutzpatron des Orkans, der am Donnerstag über Deutschland hinwegfegte. Kyrill ließ zahlreiche Bäume umstürzen, sorgte dafür, dass Straßen sich von selber sperrten und legte den Schienenverkehr lahm. Am nächsten morgen war er verschwunden – allerdings nicht spurlos.
Es hieß, er sei nach Rußland
weitergezogen. Papst Benedikt sagte, Kyrill handle im Auftrag Gottes und habe seine Gründe für das Disaster.
Friede Frie.de
Mutter und Kind
Die Erfindung der Brezel
nichts
alles
Platz für einen Helden
Platz der sinnlosen Perspektiven
Wald furniert
Wiederborsts Hoffnung
„Das Leben ist eine einzige Ablenkung, die nicht einmal darüber zur Besinnung kommen lässt wovon sie ablenkt.“ (Franz Kafka)
Man friert erst auf den zweiten Blick
Streikende Schutzengel im Irak
andere sind immer besser
Zhuangzi über intuitives Denken:
„Der Ursprung (Ben) ist die Freude der Fische,
der durch bloßes Darübersprechen
bzw. durch großes Vernünfteln
und der Kraftlosigkeit des Arguments
nicht beizukommen ist.“
Wissen was man nicht weiß
Sein wo man nicht ist
Bäume ohne Boden
Löcher für die Hoffnung
Wasser auf Papier
Ornament als Versteck
Fremdsehen
bis alles vertraut ist (Fotos, die Erinnerungen nicht wachrufen, sondern herstellen)
Die Sprache des Körpers
Poesie: 1 Muschel 2 Flügel 3 Blatt 4 Lied
Haushalt: 1 Teller 2 Nagel 3 Winkel 4 Lade 5 Läppchen 6 Korb 7 Schlüssel 8 Scheibe 9 Decke 10 Leiste 11 Becken
Außerdem: 1 Säule 2 Höhle 3 Kuppe 4 Ballen 5 Kreuz
Störfälle
Tiere: 1 Frosch 2 Laus 3 Wurm
Beschwernisse: 1 Steine 2 Blei
„Haube Quirlen Quirl Borsten Mütze Knoten Unbill gefranst gestülpt gerollt Grau Grund Fetzen Fremd Fallen“
2. November am 20. Mai
Seele im Eimer
Was haften bleibt
gilbt im Quadrat
Stehaufmännchen aktualisierte Fassung
Klimavergessenheit
„Erkennen heißt: Etwas ins Wirkliche einführen, also die Wirklichkeit deformieren.“ (Italo Calvino)
Was ist das Unwirkliche? Ist das Wirkliche ein fliegender Teppich?
Alles zeigt Wirkung, wirkt vor sich hin und in gegensätzliche Richtungen – auf diese Weise verwirklicht sich Wirklichkeit, franst aus, wird bleich von den Rändern her und verwirkt sich selbst.
Etwas, das irgendwo verschwindet taucht irgendwo anders wieder auf
pusteblümeln wendeltreppeln eigenheimsen runkelrübeln
Kleinod Linienblatt Irrlicht Meeresspiegel
Ornithologische Artendilemma
Bleiberecht Bleibericht
Atlas Altlast
Zittergras
Küchenschelle Ehrenpreis Tausendschönchen Schneeglöckchen Herbstzeitlose Huflattich Immergrün
Rosa Luxemburg
Rosa Büchsenlurch
Jeder Mensch
ist unwahrscheinlich
wegen gelblich geschlossen
Leonardo auf dem Weg zu Mona Lisa I
Leonardo auf dem Weg zu Mona Lisa II
„gerade noch verfehlt fern“
„oder nicht blinde Passagiere schwankend ausgesetzt allein zerstreut herbeigeweht zufällig gering unbekannt vergessen oder gar irgendwo übersehen irgendwelche zugrunde selten“
„Blattrand Blattrand Blatt das Blatt andere Blätter“
„Erklärung“
Licht
Staub
„Das Schöne genauso grau „Versuch nicht, politische Botschaften in deine Bilder zu packen.“ Ein Häuslein bei den Zwergen? Träume Traumzielgruppe Gedicht Nein, danke Geld Outing Luft, Himmel Kleider Energiespar- Man muß nicht Knödel aus Fleisch?“
„Konsum Eule, Ruter, Eugen, Europa- Trend Familie Beschwerdestelle Gott.Wir........ Utopien Komfortverlust Das Gold glänzt Verzicht Stillhalten Genuss CO2-Ausstoß Neu Bio-Ei Blumen und Kränze für die Gräber Ganz anders ganz neu“ www.de
EKG des Hundes
Aufrebbelversuche einer Schafherde (Überdruß-Syndrom)
Bin ich ein Etui ?
Die Welt und ich Ich und die Welt
Die Welt ohne mich Die Welt irgendwann
Die Menschen Die Welt Aber die Welt
„Was kommt? Was fliegt weg? Was ist schon weg? Wo sind Sie jetzt? Lesen Sie oft? Wie ist das Wetter? Wo wohnt Peter? Was scheint?
Wer gibt keine Antwort? Was ist das? Was steht da? Wer sieht ein Autohaus? Was ist Berlebeck und wo liegt es? Was ist groß? Was ist oft voll? Wann ist es dunkel? Wie viele Lampen sehen Sie? Wie bitte?“
Grüße von der Menschheit
Bisquitrolle im All
„Linie Immer Wind Staub Lüfte nicht mehr“
Abstandshalter
Mischtechnik mit Störenfrieden
(Untergrundwürmer)
Ausflucht auf dem Eise
Ausflug mit Eisbär
Papier
„Blätter ein Blatt ein Blatt Blätter die Blätter Blatt das Blatt das Blatt das Blatt Blätter Blätter“
Hagestolz
Besserwisser Dreikäsehoch Hochstapler Siebenschläfer Faulpelz Bösewicht Taugenichts Pechvogel Duckmäuser Luftikus Tunichtgut Stubenhocker Springinsfeld Störenfried Irrläufer Tagedieb Strolch Landstreicher
„Was macht sie dort? Was macht sie dann? Was macht er damit?
tanzen? zeichnen?“
Das große Taschentuch
„und ich bin zeigefingender,“
ein unbemerktes Schweben
wie (sonst) kann sich das Leben selber retten?
„Wie sieht die Welt aus der Sicht einer Schwalbe aus, die die Konturen einer Wolke nachzeichnet während sie fliegt?“ (Friederike Mayröcker)
Verpasse ich den Rest der Welt?
1. Persönlich gesehen ist die Welt da wo ich bin (und nicht woanders).
Folglich ist da wo ich nicht bin, der Rest der Welt.
2. Der Rest ist alles was die Welt ohne mich ist. Nicht Rest ist, wo ich bin.
3. Die Teile und das Ganze: Ein Rest bezieht sich immer auf ein Ganzes und ist normalerweise das, was vom Ganzen übrig bleibt. So gesehen ist der Rest im Hinblick bzw. Rückblick auf das Ganze immer der weitaus kleinere Teil.
4. Ausnahme: der Rest der Welt. Hier verhält es sich umgekehrt. Der Rest der Welt ist weitaus größer als die Welt (siehe 1.)
5. Das Buch in das ich hier schreibe, samt Tisch wo es draufliegt, ist Welt, also nicht Rest. Objektiv gesehen ist das für die Welt egal. Das Gewicht der Welt ändert sich nicht, wenn es dieses Stück Welt = Buch aus irgend einem Grunde nicht mehr gibt, das heisst, dass der Rest der Welt sein Verschwinden nicht registrieren würde. Fazit: Weil das so ist, verpasse ich den Rest der Welt nicht. Verpasse ich den Anschluß? den Zeitgeist? die gute Gelegenheit? Verpasse ich Dich? die Zeit? den Zug? den Sonnenuntergang? Verpasse ich nichts?
Weiteres zum Rest:
Reste repräsentieren ein nicht mehr vorhandenes Ganzes zB. : eine Säule repräsentiert einen Tempel, ein Bleistiftstummel einen Bleistift, ein Baumstumpf einen Baum, die Wurst den Rest vom Schützenfest, der Zipfel eine Wurst (keine Mütze, Vorsicht: Sprache!) usw.
Wenn es zu viel Rest gibt, gab es von allem zu viel. Resteverwertung, Resteessen, Resterampen usw. Wenn man jemandem den Rest gibt, bleibt gar nichts übrig. Von Überresten spricht man meistens in Verbindung mit sterblichen (das, was von einem Menschenleben bleibt, wenn das Leben nicht mehr da ist). Ist man restlos glücklich, ist dies unwahrscheinlich. Reste in Verbindung mit Posten sind billig zu haben. Wenn von einer Tafel Schokolade unwahrscheinlicherweise nur ein Stück gegessen wurde ist das, was noch da ist, kein Rest. Rest stellt sich erst dann ein, wenn weniger als die Hälfte übrig ist. Namen für Reste: Zipfel, Stummel, Stumpf, Krümel, Griebsch, Asche, Schnipsel, Scherbe, Späne, Knust.... Wie heißt der Rest vom Rest ? Restchen? Restlein? Klitzerest?
Eine Sekunde kann der Rest einer Stunde sein, aber dennoch ist sie eine eigene Einheit. Auch Staub kann der Rest von etwas sein, Sand der Rest von einem Stein usw. Restl ich Arest
Eigentlich müßte Rest mit zwei ss geschrieben werden „Resst“, wie gepresst, gestresst. Das verloren gegangene s geistert als Rest vom Resst durch den Rest der Welt und sorgt dafür, dass immer etwas übrig bleibt.
„Das, was einst „ich“, die „Identität“, das „Selbst“ genannt wurde, entpuppt sich als Knoten der Relationen. Wir sind die Summe der Verhältnisse, die uns mit anderen verbindet – und wenn wir Schritt für Schritt diese Beziehungen abstrahieren, dann bleibt, wie bei der berüchtigten Zwiebel, nichts mehr übrig.“ (Vilem Flusser)
„Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es viele Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.“ (Fernando Pessao)
rosa verrüscht
altjapanisch rosa
Portrait of the artist as an old map
Der Grund der Suppe
Das Universum der Erinnerung
Plattformen zum Weihnachtsdiskurs (ehemals Plätzchen)
Staub
Schnee
Fledergemäuseltes
Maulgewürfeltes four ways to Heaven
Welt im Nest
Ei im All
atmen
nicht atmen
weiteratmen