Nanne Meyer Buch XXIV 2012

(Textauswahl)

Zitate und vorgefundene Texte bzw. Worte (collagiertes), die nicht von Nanne Meyer sind, sind in Anführungszeichen gesetzt.

 


„Nichts ist sicher, und nicht einmal das ist sicher“
Antiphon, 480 v Chr.

Festgezurrt im nirgendwo

„Staubförmige Güter“

Staubförmiges Dasein

Welt in der Welt Welt im Werden Zeit (ohne Zeiger) Bewegung Nichts Sehen Sinn Frage Welt mit Begleitung Verfinsterung ich, Welt mit mir Welt ohne mich (merkt es nicht) Suche Wissen nicht wissen
Zukunft beginnt mit zu (nicht mit auf)

Die einen wollten Blumenbeete,
die anderen einen Fußballplatz, so entstand der Prototyp für eine Ratlosigkeitsanlage

Vordertreffen Hintertreffen Überraschungsei. Fußmatte in Form eines vergessenen Wunsches

Blaue Stunde mit falschem Hasen

Beschriftetes Wasser

Mit dem Gehirn das Gehirn zu erforschen
ist ähnlich fragwürdig wie mit dem Bleistift einen Bleistift zu zeichnen

Es gibt auch Ursachen, die keine sind, vielleicht aber welche werden können

Dinge, die man nicht kennt, Sachen, die man nicht weiß
www. wirrnisse. wurm. wohin.

Kann man Wissen produzieren?
Will ich etwas produzieren, brauche ich Material. Woraus produziert man also Wissen?
- aus Halbwissen
- aus Viertelwissen
- aus Achtelwissen usw....
- aus Wissensstaub
Halbwissen impliziert, dass es ein Ganzwissen gibt. Ganzwissen = Das gesamte Weltwissen.
Das Ganzwissen wird stündlich um ein Vielfaches ergänzt, während sich das persönliche Halbwissen stündlich verringert minus Wissen, das ausstirbt und verlorengeht = persönlicher Unwissenheits-Quotient:
Ganzwissen x Zeit – ausgestorbenes Wissen x Zeit
Halbwissen x zeit + persönliche Wissensaneignung
Die Frage bleibt: Was ist Wissensproduktion?
Wissen bildet sich durch das, was Erkenntnisse hinterlassen. Also bildet sich Wissen wie von selbst in zurückgelassenen Worten, Zahlen, in den Jahresringen eines Baumes, den Rückständen in einer Teetasse usw. Nur kommt das alles nicht in meinen Kopf, wenn ich es nicht wahrnehme. Um es wahrnehmen zu können, muß ich mich dafür öffnen, sensibilisieren, aber Sensibilisierung ist keine Produktion. Was nun?

Furniertes Funken

Wege um den heissen Brei, der ein Berg ist (Indigo dunkel) und die Wege sind Linien. Und was ist Wirklichkeit?

Gedankenstrich: Strich zwischen den Gedanken, oder Gedanke, der ein Strich ist
Venustransit: Planet, der zum Punkt wird, um sich zu zeigen

Warten
Verdunsten

Sehen und Schreiben. Farben so schreiben wie man sie spricht. Und wie man sie spricht, so sieht man sie und umgekehrt. Schreiben wie man sieht. Die neue Sehschreibung: schwahz beehsch
gälp jälloh

....etwas fehlt immer das nennt man Glück........

Kartografie des schon vorüber

Kleine versteinerte Sehnsucht

Eine Frau, die sich vor 75 Jahren umdrehte, weil sie den Fotografen bemerkte.

Vergessene Erinnerung

Das was es ist dies zu sein

Kleine Signatur des Universums
Das große Glück 511 Jahre später

Augentrost Zittergras Besenkraut Ackerschachtelhalm Winterlieb Kamille Bergplatterbse Mauergipskraut Huflattich Mädesüß Graues Grindkraut Wiesenwucherblume Bachnelkwurz Flockenblume Froschlöffel Wiesenschaumkraut Karthäusernelke Malve Weidenröschen Sumpfdotterblume Taubnessel Wegwarte Löwenzahn Hundsveilchen Hahnenfuß Wegerich Wundklee Habichrskraut Katzenminze Wolfsmilch Ehrenpreis Gnadenkraut beifuß Waldkerbel Glockenblume Vergißmeinicht Schlitzblätriger Storchschnabel Krauser Ampfer Lanzettblättrige Kratzdistel Akelei Weißwurz Ästige Grasilie Pfennigkraut Bärenklau gemeiner frauenmantel Knabenkraut lupine Hirtentäschelchen Sternmiere Schafgarbe Männertreu Brennnessel Pechnelke Kleinling Fingerhut Wasserpfeffer Schleifblume Schwarzer Nachtschatten Riemenzunge Labkraut Kuckuckslichtnelke Frauenschuh Flohknötereich Johanniskraut Zottiger Klappertopf Gänsedistel Taubenkropfleimkraut Königskerze Ochsenzunge Tausendgüldenkraut Herbstzeitlose
Namanloses Wieseglück

Occupy
Verkehrte Spiegelung richtiger? Tatsachen

Zufällige Ähnlichkeiten mit nahestehenden Hasen sind nicht beabsichtigt

Kleiner, geheimer Vorrat geretterer Nichtgkeiten

Während ich schreibe
geht jemand bei rot über die Straße ohne überfahren zu werden
Isst jemand einen Apfel und denkt dabei nicht ans Paradies
geht eine Schranktür auf ohne Grund
werden Gründe vorgeschoben, weil die Wahrheit anders ist
sagt ein Kind zum ersten mal Mama
sagt jemand A, weil er beim Arzt ist
sagt jemand AHA bei einem aufkommenden Verdacht
sagt jemand O angesichts eines geringfügigen Lottogewinns
sagt jemand I, weil die Wunde nicht heilt und immer noch eitert.
Während ich schreibe
geht jemand bei grün über die Straße und kommt mit dem Leben davon
fällt ein Apfel vom Baum, weil er reif ist
geht eine Tür auf, und ich gehe nicht hinein
geht ein Leben zu ende und ein anderes beginnt
sagt jemand etwas, obwohl es besser wäre nichts zu sagen
hat jemand Angst, obwohl sie keine Angst haben müßte
hat jemand keine Angst, obwohl Gefahr droht
trinkt jemand ein Glas Wasser, weil es da ist
findet jemand keinen Grund, weil das Wasser zu tief ist.
Während ich hier schreibe
sehe ich meine Linie, die das Blatt Papier in zwei ungleiche Teile trennt.
Gibt es Kunst, die nicht politisch ist?

Fremden Zimmer
Fremd im Zimmer, Fremdelnzimmer
Die Schrift der Gewalt
Menschen, die wie Buchstaben aus dem Leben stürzen

Wissen
Ignoranzkompetenz

Nichts
sieht so aus wie es ist

Werdende in Warteschleife

Begrenzte Unendlichkeitsfigur
Dauerflexibilisierung

Grübelgemüse

Ein Tag
Der nicht weiß, was er mit sich machen soll

Ornament als Verbrechen
Ornament als Tarnung

Worte für Reste, für das, was (übrig) bleibt: Trümmer Ruine Schrott Überbleibsel Krümel Überreste Griebsch Wrack Fetzen Fragment Schnipsel Scherbe Ab-Fall Staub Bruchstück Rückstände Asche

Irgend? Irgend jemand ist einer, der noch unbekannter ist als jemand. Irgend jemand sein, nirgend jemand.
-Du irgend- schlimmstes Schimpfwort. Irgendwann, weil alles krumm ist. nICHts. Das ich fällt irgendwann aus dem Nichts in ein ich hinein ohne es zu wissen. Dieses Nichtwissen bleibt das ganze Leben. Linien.
Verstand ohne Sinn

Ureinwohner an der Bushaltestelle, vier Hinterlassenschaften verschwundener Urheber
Am Anfang war das Wort. Vor allem Anfang war das Ur
urgroß ob Mutter oder Vater
was davor war hüllt sich in Dunst
urklein nicht sichtbar, dennoch da
liegt vor dem Anfang, vor der Kunst.
Ur -angst -vertrauen -zeit -aufführung
Ur -tümlich -fassung -ahne -alt -mensch -knall
Ur -heber -sache -suppe -kunde
Ur -zustand -wald -sprung -tier -teil -laub -gestein

Dampf Rauch Qualm, Gewesenes fällt mit der Gegenwart zusammen
indem es die Flucht ergreift

Es gibt etwas das heisst Schicksal. Es kommt verkleidet und häufig erkennt man es zu spät. Es ist jenseits von Wissen Wollen und Handeln.