Jahrbücher 1986–2013
Seit 1986 zeichne ich kontinuierlich, aber in unregelmäßigen Abständen in bereits gebundene Bücher, sogenannte Blindbände, wie sie bei Buchproduktionen hergestellt werden, um Format, Gewicht und Material eines Buches vorab zu prüfen. 24 Jahrbücher, die zwischen 170 und 600 Seiten umfassen mit circa insgesamt 9000 Seiten, sind seit dem entstanden.
Wie fing es an? Mit der Freude am Zeichnen und der Verwunderung über die Sprache. Während meines Studiums in Hamburg führte ich von 1978 bis 1981 eine Art visuelles Tagebuch. Jeden Tag - ohne Ausnahme - entstand auf unterschiedlichen Papieren ein datiertes DinA4 Blatt, das auf irgend eine Alltagsbegebenheit Bezug nahm oder auch nicht. Es gibt Linienzeichnungen, Kritzeleien und Zeichnungen mit Worten oder einem Text, die dann in Monatsmappen geordnet wurden.
1986, während meines Aufenthalts in der Villa Massimo in Rom, nahm ich das Prinzip wieder auf und zeichne seit dem in Bücher, zwar nicht mehr tagtäglich nach strenger Regel, jedoch wann immer es möglich ist.
Die Bücher beherbergen mein persönliches Archiv, mein wechselndes Zeichenrepertoire, meinen Formenvorrat. Umfangreiche zeichnerische Serien, Ansätze und Ideen für meine weitere künstlerische Arbeit finden in den Büchern ihren Anfang.
Die darin versammelten Zeichnungen sind für mich der Versuch, das innere Fernglas auf das Geschehen zwischen Sehen und Denken, Vergessen und Erinnern, Wissen und Nichtwissen zu fokussieren. Das Zeichnen in den Büchern ist für mich ein konzentriertes Innehalten, Anhalten,Verlangsamen, ein Drehen und Wenden der ständig durch mich hindurchrauschenden Worte und Bilder. Erst durch die Tätigkeit des Zeichnens stöbere ich noch nicht Bemerktes auf und verknüpfe es mit Vorgefundenem zu einer neuen Ansicht. Alltägliches, Worte, (Zeitungs-)Fotos, ein Bewegungsimpuls, vorüberhuschende Gedanken, Papierschnipsel, Gesprächsfetzen, eine Augenwinkelei oder der Anfang einer Linie; all das kann Anlass für eine Zeichnung sein.
Trotz der teilweise sehr flüchtigen oder reduzierten Anmutung sind die Zeichnungen in meinen Büchern keine Skizzen, sondern in ihrer Offenheit abgeschlossen. Die Skizzenbücher sind wesentlich kleiner und handlicher, geeignet für das Zeichnen vor Ort. Die Blindbände dagegen sind dick, schwer und behäbig, sie liegen zuhause auf meinem Tisch, meistens aufgeschlagen und warten: zwei blinde, erwartungsvolle Seiten.
So ist das Buch, an dem ich gerade arbeite, für mich eine Art Landeplatz, zu dem ich immer zurückkehren kann, das Buch, ein Zuhause. Auf den Doppelseiten führen die Zeichnungen oft einen Dialog miteinander, linke und rechte Seite befragen, irritieren oder ergänzen einander. Sie dokumentieren einen Prozess, den ich als „anschauliches Gespräch“ bezeichnen könnte, für das es einen Ausgangspunkt, gibt, dessen Verlauf sich aber erst beim und mit dem Zeichnen ereignet.
Neben Beobachtungen aus verschiedenen Bereichen hauptsächlich alltäglicher Nebensachen, finden sich in den Büchern auch Zeichnungen, die sich auf eigene Zeichnungen und Zusammenhänge meiner künstlerischen Arbeit beziehen und häufig, gleich einem Ping Pong Spiel, wieder auf diese zurückwirken. Darüber hinaus gibt es auch sogenannte Schlüsselzeichnungen, die Auslöser sind für umfangreiche Zeichnungsfelder.
Da es sich, wie bereits erwähnt, bei den Büchern um Blindbände, also um Prototypen für Kunstbücher bzw. -Kataloge handelt, habe ich mich nebenbei, gleichsam als blinder Passagier, unter anderem in die Kölner Ausstellung „Bilderstreit“, in die Dokumenta IX und in das Werkverzeichnis von Paul Klee hineingezeichnet, meine subversive, heimliche Teilhabe.
So sind die Bücher keine geschlossenen Systeme. Das, was zwischen zwei Buchdeckeln zusammengebunden ist, öffnet außerhalb des Buches neue Wege und zeigt, was die Zwischenräume zwischen Sehen und Denken bereit halten.
N.M.