Andreas Schalhorn
Nanne Meyer „Leicht bewölkt”
Nanne Meyer gehört zu jenen Künstlern der Ausstellung, die ausschließlich Zeichner sind. Die gebürtige Hamburgerin hat seit den 1980er Jahren bis heute eine ganze Reihe an Erkundungsgängen unternommen, auf denen sie die Sprachformen des Mediums Zeichnung immer wieder neu ausgelotet hat. Zeichnen ist dabei für sie gekoppelt an einen lebendigen Prozess des Sehens, Erfahrens und Reflektierens erlebter oder imaginierter Wirklichkeiten, der sich in thematisch zusammenhängenden Werkgruppen niederschlägt. Dabei geht es zumindest indirekt immer auch um die Hinterfragung und Veranschaulichung der ‘bildgebenden’ Möglichkeiten der Zeichnung an sich.
Ab 1998 beschäftigte sich Nanne Meyer über mehrere Jahre mit dem Phänomen der Wolke. Dabei kommt dem Werk Leicht bewölkt (2000) eine besondere Bedeutung zu. Es besteht aus einer variablen Vielzahl äußerst kleiner Zeichnungen, die eine Wandinstallation bilden. Als lockeres, sich mal verdichtendes, mal an den Rändern ausfransendes Gebilde weist Leicht bewölkt dabei selbst wolkenförmige Züge auf.
Die mit verschiedenen Stiften, Aquarell und Gouache angefertigten Zeichnungen, zu denen sich auch collagierte Textelemente und mit Hilfe von Kohlepapier handschriftlich aufgetragene Zitate zum Thema Wolken gesellen, sind auf Papiertäfelchen angebracht, die in Japan als Blanko-Papiere für Visitenkarten verkauft werden.
”Leicht bewölkt“ kreist um die ephemere Form der Wolke – und zwar mittels einer weit gefächerten, ebenso assoziativ-spielerischen wie systematischen Annäherung, die nicht alleine auf unterschiedliche zeichnerische Modi und Techniken setzt, sondern auch anspielt auf die Wolke als naturwissenschaftliches Phänomen (etwa durch die Paraphrase meteorologischer Karten). Zudem werden thematisch relevante Zitate von Schriftstellern und Künstlern, auf die Meyer bei der Lektüre stieß, als Textzeichnungen eingefügt. Unabhängig von der gezielten Kombination der Zeichnungen in Ketten oder Gruppen an der Wand steht jede Zeichnung für einen Gedanken: ”Leicht bewölkt – das sind kleine Büttenpapiere mit unregelmäßigen Rändern, die Wolken sind, die verstreute Gedanken sind, die Zeichnungen sind“, formuliert Nanne Meyer im Katalog des Aargauer Kunsthaus, Aarau 2005.
Das Wort „leicht“ im Titel der Wandinstallation verweist auf die tatsächliche physische Leichtigkeit des Werkes. Die kleinen Zeichnungen, wenige Gramm schwer, schweben, allein mittels zwei Nadeln fixiert, in verschiedenen Abständen beinahe schwerelos vor der Wand. Das gesamt Werk lässt sich zudem, auf zwei Kästchen verteilt, mühelos transportieren.
Die flexible, unprätentiöse Form dieser Arbeit, die dennoch als Installation auf dezente Weise raumgreifend ist, entstand als Reaktion Nanne Meyers auf jede Form purer Monumentalkunst, wie man sie bisweilen in Galerien für zeitgenössische Kunst besonders in Form riesiger Gemälde findet – speziell in Boom-Zeiten des Kunstmarktes. Ihr geht es in Leicht bewölkt darum, mit diesem „Stapel von Nichtigkeiten“, der es freilich in sich hat, „das Kleine [die Zeichnung] noch kleiner zu machen“ (Nanne Meyer). Die hohle Opulenz schierer Größe wird subversiv unterlaufen. Gleichzeitig wird die zeichnerische Notiz (und gedankliche Punktlandung) auf dem Papier als Essenz künstlerischen Tuns herausgestellt und aufgewertet.
Die Kraft der Zeichnung bei Meyer liegt in ihrer Beweglichkeit und treffenden Leichtigkeit. Hierin erweisen sich die Wolken als Vorbilder und Geistesverwandte der Zeichnerin, sind doch auch sie auf ihre Weise und in größtmöglicher Vielfalt „Bilderproduzierer“ und „Gedankenlieferer“ (Nanne Meyer).
Erschienen in: Je mehr ich zeichne – Zeichnung als Weltentwurf, (Kat.) Museum für Gegenwartskunst Siegen; Köln (DuMont) 2010, S. 86.