Dorothée Bauerle-Willert
Nanne Meyer. Windstriche und Bilderwanderungen…
In ihren Zeichnungen erwandert Nanne Meyer Form und Dinge. Dabei ist das Wandern, die Reise auf dem Papier und in das Papier hinein keine bloße Metapher, die Zeichnungen bringen tatsächlich eine Fahrt ins Land der „besseren Erkenntnis”, in Gang, um ein Wort von Paul Klee zu gebrauchen: ein Setzen von Linien als bewegliche Tat, Linienbündel, Lichtungen, Wellenbewegung, Zickzack, Bögen, Punktsaat. Entdeckungen. Beim Betrachten der Arbeiten fielen mir Valérys Windstriche ein, die zweierlei anklingen lassen, die konstante, wesentliche Richtung unseres Geistes und die Sprünge, die wechselnden Anwendungen des Denkens, die Zwischenfälle, die Unterhaltungen unseres Gedächtnisses, die Vielfalt unserer Wünsche, Gefühle, Impulse, die diese Grundhaltung durchbeben, das immer Andere im Konstanten.
Die hier gezeigten großen Zeichnungen, entwickeln eine eigenwillige Kartographie, wobei die Landkarte/Wetterkarte zwischen Bild und Zeichen siedelt: großzügige Kartenwerke, aus der Vogel- oder Wolkenschau, mit dichten atmosphärisches Strudeln, Wirbeln, Bewegungs- und Richtungslinien, die eine Dynamik, Mobilität, Geschwindigkeit in die Blätter hineinbringen – die Lufthülle, ihr Fluidum ... durchschossen. Ein Sausen, ein Wetterleuchten, die schiere Luft, belebt wie der Mensch vom Gedanken. Verschiedenen Geschwindigkeiten, das Ineinanderklappen von Wahrnehmungszeiten, der Halt im Vorüber.
Das lateinische Wort 'designatio' umfasst das Bedeutungsfeld von Bezeichnung, Begrenzung, Anordnung, Ernennung. Im italienischen 'disegno' tritt die Lesart 'räumliche Abgrenzung' zusammen mit der des Plans in den Vordergrund und bezeichnet so ein Konkretes und zugleich ein Geistiges. Die Zeichnung soll also etwas aus der Vielzahl der Erscheinungen auswählen und in eine neue räumliche Ordnung einfügen. Zugleich aber soll die Zeichnung etwas greifbar machen, was sich der Sichtbarkeit entzieht. Neben das neue (oder wiederbelebte) Gebot der Naturnachahmung (das das Gebot der Richtigkeit enthielt) stellt sich so das Gebot der Naturüberwindung. Aus der Einbildungskraft des Künstlers hervorgehend, verwandelt sie die Erscheinungen, bringt Neues, noch nicht Realisiertes, also eine Idee, zur Anschauung. ’Disegno’ ist nicht nur das, was der Künstler entdeckt und nachbildet, sondern das was er entwirft. In dieser neuen Auffassung wird das künstlerische Schaffen selbst problematisiert. Denn einerseits verlagert sie den Gegenstand der Kunst in die Außenwelt und manifestiert dadurch dessen Objekthaftigkeit, andererseits macht sie den Künstler erst zum Subjekt des künstlerischen Prozesses – und legt damit eine Distanz zwischen beide Pole. Außen und Innen werden radikalisiert und damit auch die Frage nach dem Grund der Kunst, worin die Frage nach der Versöhnbarkeit von Ich und Welt mitdekliniert wird. Was bedeutet die Erfahrung der Welt für den Künstler – wie vermittelt sich diese Erfahrung seinem Geist? Nanne Meyer recherchiert in ihren poetischen Weltentwürfen diese anhaltende Frage, souverän und wagemutig, leicht und tief.
Zeichnung – Zeichen als Erkundung der Welt, zugleich ein ständiges Überschreiten auf ein Selbst hin, das die Welt in der Art, in der ich mich ihr anvertraue oder gegen sie versteife in ihrem eigenen Wert erscheinen lässt. Erst im Sich-der-Welt- Aussetzen geschieht der Entwurf eines Selbst, notwendig zerbrechlich, modifizierbar und offen. Nanne Meyer lässt sich ein auf das Flirren von Eindrücken, das Vorübergleitende, das dann in der Zeichnung nicht unbedingt ruhig gestellt wird, sondern im Fluss bleibt und doch da ist. Sie entdeckt Gesichte und Gesichter, die wahrscheinlich immer schon in den Landkarten nisteten: aus dem Gespinst der Linien konfigurieren sich Gespenster und das Wort kommt ja von Anziehungskraft, Verführung ...
Hier scheint mir ein Wesentliches dieser Kunst zu liegen. Der Schnittpunkt. Die Barriere zwischen der Seinsart der Dinge/Natur/Welt und der menschlichen Sensibilität wird vielleicht nur in der Kunst porös ... aber wie fließen die entgegengesetzten Positionen ineinander?
Hervorholen – Verdecken, durch das dann wieder etwas zum Vorschein kommt, in dem das was die Karte eigentlich ausmacht, Orientierungsmittel zu sein, unterlaufen wird – oder der Text als Wortgeflecht, wie ein Haiku, neues Lesen fordert. Fülle – Leere.
Dieses Strömen, Stromern vom Kleinen zum Höchsten, das dann eben nicht mehr einfach abstrakt ist ... anschaulich in den Büchern auch, öffnet Erdengegenwart, wobei diese Welt und ihre kulturell codierten Bilder nicht nur als bloße Staffage eingesetzt wird, sondern verwandelt wird in eine durch Erfahrung und Bewegung transfigurierte Szene, zur belebten, mobilisierten Gegend – wobei die Erfahrung nicht einfach subjektiv ist, sondern wie im Ping-Pong hinausführt über das Selbst im üblichen Sinn. Die Kippbewegung von außen nach innen gibt also nicht nur Motive sondern die Linien, die persönlichsten, uncodifizierbaren Chiffren gehen gleichsam aus den Dingen dieser Welt selbst hervor, alles ist da und wird sichtbar durch die Aktion der Hand. Seltsame Allianz. Ihre wechselseitige Affinität lässt dann diesen Raum entstehen. Vergegenwärtigung im Leben. Die Linien, die Zeichnungen schaffen und umspielen den Ort, in dem zur Nähe wird, was unendlich weit entfernt ist. Räume und Freiräume – Energie als einer transfundierenden Kraft.
Die Zeichnung als primärste, umfassendste und zugleich persönlichste Äußerungsform ist dann eine Öffnung auf die Welt hin, und gerade dadurch öffnet sie den Blick auf etwas was mehr ist als Ich und Welt: Das undarstellbare Ineinander, das uns unwissentlich durchwaltet.
Dieser Text erschien in gekürzter Fassung in: Linie. Line. Linea. Zeichnung der Gegenwart, (Kat.) hg. vom Institut für Auslandsbeziehungen, Bonn et al; Köln (DuMont) 2010. S. 84.