Gundi Feyrer

Nanne Meyer ...

... als Inspirationserhitzer in offenem und gleichzeitig geschlossenem Schaffenskreisdampf von Inspirationsstoff (Rotröhren), Bewegung/Linien (mit Papierbeben; Schwarzröhren) und Gegenwart (unendliche Momentenmenge; Weißröhren) kurz vor einem der unendlich vielen Sesselabsprünge (hin zum Zeichenflug).
„Die Figur NM” steht fest und mit beiden Beinen auf beinlosem Sessel (Bett, Wolke), unbeschwert-beschwert von einem roten Boiler (Reservoir) auf dem Rücken, der mit unendlich in sich selbst schwappendem Inspirations-Stoff – auch Hauch-Menge genannt – bis zum Rand gefüllt ist. Damit der Boiler wegen des in ihm herrschenden immens hohen Drucks nicht explodiert, ist er mit winzigen Löchern/Düsen bestückt, damit die Hauch-Menge, der Inspirations-Stoff über die die Löcher umschließenden roten und weißen Schläuche/Kabel aus dem Boiler entweichen kann, und so direkt in das Kopf-Innere von NM, ihre rechte Hand, den Bleistift sowie direkt auf und in das Papier – das Buch, das NM mit der linken Hand am Schweben hält – gelangen kann, um zuerst und grundsätzlich Bewegung auszulösen (Hin- und Herdenken, Tanzen, Springen etc. in NMs Kopf-Innerem sowie diverses Zucken, Kratzen und Rucken NMs rechter Hand, des Bleistifts), was die simultane Entstehung von Linien auf dem Papier in Gang setzt. Die spätere und nachfolgende Bildung verschiedenster Formen und Inhalte hängt von den weißen Kabeln/ Schläuchen ab, worauf weiter unten eingegangen wird.
Zuerst Hauch: Die durch den Inspirations-Stoff an und in NM provozierten Bewegungen (schwarze Schläuche/Kabel) fallen auf dem Papier als Linien, Kurven, Kreise und diverse Formen aus, ja, sie alle fallen sogar unsichtbar als durch die Handbewegung NMs in Schwingung versetzte Luftwellen durch das Buch hindurch, um sich vom Papier brechen zu lassen und so, neugerichtet, sich in weltlicher Weite ihrer Umgebung fortzusetzen, sich von NM fort zu bewegen und sich zu entfernen. NM als ausführendes Element, als Schwingungs-Generator, bleibt jedes Mal: schlingernd, kreiselnd, kurvig und tobend zurück. Das Papier als Durchgangsort, als belebtes Tor und Einbruchsmöglichkeit von Welt wird von ihren Bewegungen geöffnet und als Fläche direkt auf dem Papier ausgebreitet und so der immer in ihr (der Welt) herrschenden Weite (da-) zugesetzt (und diese dadurch natürlich noch einmal weiter).
Fünf: die Welt, das Uni- und das Pluri-Versum ist unser aller Kopf.
Drei: Hand, Inspirationsstoff oder Hauchmenge verwandeln sich aufgrund des immens hohen Drucks im Boiler in Bewegung und verwandeln sich über NMs Kopf, Hand und Bleistift in Linien, deren Interpretationsmöglichkeiten sich wie treibende Zweige nach allen Seiten hin strecken: sichtbar und unsichtbar. Dieser Mechanismus, Ablauf ist genauso umkehrbar, Interpretationen tauchen auf wie plötzlich wahrgenommene Blüten an einem
Zweig, zerplatzen wieder (auf- und verblühen, zu einem einzigen Moment zusammengedrückt) und bilden sich neu, da die auf-, in und durch das Papier fallenden Linien ihrerseits Bewegung erzeugen, die durch den Sog des Aus-dem-Boiler-Fließens der Hauchmenge wegen der Schmalheit der Schläuche wieder zu Hauch zusammengedrückt werden (anders kann diesem Fluss nicht nachgegeben werden) und in den Boiler zurückfließen, um nach einem dort Auf-den-Grund-Sinken (Regeneration) wieder nach oben zu steigen (Gewichtsverlust) und durch die Schläuche erneut hinauszufließen. So ist der Boiler nie leer, schwappt aber auf den Wegen eines unermüdlichen Flusses, dessen dauernde Um- und Verwandlungen von NM immer wieder nach- und mit Blei- und Farbstift vollgezogen werden, während das Zeichen-Machen samt begleitendes Zielen (Konzentration) ein bewegt-denkendes Schweben ist, dauernd über die Grenzen brechender Bewegung und exakter Linienführung hin- und herschwankend.
Vier: Wie kommt der Inspirations-Stoff, die Haucher als gesammelte Hauch-Menge in den Boiler auf NMs Rücken? Wer und wann hat sie in den Boiler gehaucht? Wo beginnt das alles, wo ist der Anfang?
Natürlich gibt es hier keinen Anfang, bzw. keinen, den wir denken KÖNNEN – unser Gehirn ist dafür nicht gemacht. Wir können immer nur mehrere und viele Anfänge entlang der Wege einer unendlich langen Leine von Anfängen denken, nicht aber DEN Anfang, da wir das, was VOR diesem Anfang liegt, läge, nicht ohne ein Dahinter denken können.
Ohne uns, also unsere beschränkten Denkmöglichkeiten, ist etwas VOR – z.B. der Idee eines sogenannten Urknalls – möglich, aber nur, weil wir da nicht mehr hinterherdenken KÖNNEN. Etwas “ohne uns” zu denken, ist auch unmöglich, weil es ja immer WIR sind, die sich da etwas zusammen-denken (und wir “denken” uns einen ersten Anfang “zusammen”. Anmerkung: Gibt es überhaupt auch nur ETWAS von all dem, was wir uns immer so zusammen-denken?) Da, wo es uns nicht gibt, also da, wo wir nicht mehr hindenken können, da ist der Anfang – der undenkbare. (Das Higgs-Bosom ändert daran auch nichts). Leider gibt es noch kein treffendes Wort, um diesen “Anfang” von den normalen Anfängen zu unterscheiden.
Also: Der Inspirations-Stoff, die sich unermüdlich hin- und herwälzende Hauch-Menge ist einfach da (Axiom) so wie sich NM einfach – sie kann nicht anders (Axiom) – diesem Mechanismus aussetzt und ausgesetzt ist, heißt: der Hauchmenge, den Bewegungen und den Linien nachgibt.
Idee: Dieser Ablauf beschreibe einen Fluss, der sein Wasser, das was ihn bildet, durch kleine Düsen, Löcher oder Erdrisse aufstockt: eine Quelle, durch die das Wasser von unter der Erde hinauf an die Oberfläche strömt (anfangs sickert). Der Druck unter der Erde, in ihrem Erd-Innern ist, wie allgemein bekannt, immens hoch und je tiefer man gräbt, umso höher wird er. Der Boiler ist hier die Quelle, die von NM rucksackartig als Boiler auf dem Rücken getragen wird – unbeschwert-beschwert getragen und seinem Wesen nach unbeschwerend-beschwerend (wie der Kern der Erde selbst), so wie das Wasser eines Flusses auch ein Gewicht hat, jeder Fluss ein immenses, für uns untragbares Gewicht hat, das wir aber, springen wir hinein und schwimmen, nicht als solches wahrnehmen, weil wir im Gegenteil das Gefühl haben, das Wasser, der Fluss, trage uns mit sich mit – außer, wir hören eine Weile auf zu atmen, indem wir die Luft in uns – wie der Boiler den Inspirations-Stoff, die Hauchmenge – festhalten, ohne sie über die Düsen/Löcher unserer Nase oder Mund wieder loszulassen: dann treiben wir eine Weile lang gewichtslos, dann trägt uns der Fluss mit seinem Gewicht, dann ist es, als seien wir gar nicht mehr da, ein Stück Holz, das ziellos vom Wasser hin- und hergetrieben wird.
‘Bewegt’ von der Hauch-Menge auf ihrem Rücken sowie diese selbst immer wieder bewegt erzeugend, schwebt die Figur NM (so braucht auch der Sessel mit Trampolin-Funktion keine Beine). Wo? In der Gegenwart. Was ist Gegenwart? Gegenwart ist Luft (und alles andere), Luft ist Gegenwart, auch, wenn die Luft, die wir alle permanent ein und ausatmen eventuell schon von den Azteken oder gar Neandertalern ein- und ausgeatmet wurde (hier wissen wir noch zu wenig). Wir atmen das ein was JETZT heißt: Luft, Gegenwart, luftige Gegenwart, gegenwärtige Luft und füllen uns damit auf, werden gefüllt (wer füllt hier?), füllen sie in uns hinein, lassen sie in uns hin- und hergehen und Wellen schlagen, um sie anschließend wieder hinaus- in die neue und wieder jetzige luftige (mal mehr mal weniger) Gegenwart als neue und gegenwärtige Luft hinauszuschicken. Vielleicht sind die Wörter “hinaus” und “hinein” hier nicht ganz am Platz, ist die Grenze zwischen uns und dem was uns umgibt, nicht so klar auszumachen, da wir alle eine Art Teil- oder Zwischenstück in all dieser Luft (und allem anderen) sind, in all dieser Gegenwart.
Zur Vereinfachung nehmen wir hier einfach einmal einen ersten Atemzug an – den, den Sie, lieber Leser, genau jetzt beim Lesen hier tun, dann wäre also dieser jetzt der Anfangs-Atem-Zug, dann der zweite, usf. Bis wir keinen Atem-Zug mehr nehmen und diesen Zug hinaus, aus dem Bahnhof, der wir sind, fahren lassen, der gegenwärtigen Luft wie einem ab- und hinausfahrenden Zug nachblicken. Bald springen wir wieder auf den nächsten abfahrenden Atem-Zug auf, fahren mit ihm mit, ein ganzes gegenwärtiges Leben lang und steigen wieder ein ganzes gegenwärtiges Leben lang ab, bis uns der nächste Zug wieder “ansaugt”, wir aufspringen und eine Atem-Weile mit ihm mitfahren. Halten wir einen Atem-Zug lang an, treiben wir eine Weile aufgeblasen und wie schwerelos: ein Stück Holz, das auf den Wellen dieses Gegenwarts-Luft-Flusses hin- und hertreibt, getrieben wird, als könnten wir sie, die Gegenwart eine Weile lang anhalten. Eine Weile, in der wir schweben, eine Weile, die wir schweben machen (Zeit schwebt im Raum, der Raum ist in uns).
Hier kommen nun die weißen Schläuche/Kabel ins Spiel. Sie gehen vom Boiler genauso wie die roten in NMs Kopf, Hand sowie ins Papier, setzen sich aber dann, im Gegensatz zu den roten, auch irgendwo um NM herum ziel- und sinnlos fort, hängen gar zu Knäueln verdreht, einfach in der Luft herum. Das tun sie, weil sie die Gegenwart transportieren, hin und herschicken (selbstverständlich mit Lichtgeschwindigkeit oder noch schneller), die Gegenwart um NM herum und anderswo ansaugen, um sie simultan zu den Linien und Bewegungen von NM aufs Papier zu bringen, und, was das Wichtigste ist, den Linien, provoziert vom Inspirations-Stoff eine endgültige und jetzt interpretierbare Form zu geben,
indem sie das Kopf-Innere und die Hand von NM auf konkrete Inhalte hinführen und so diese Bewegungs/Linien auf dem Papier schließlich und endgültig ganz zurechtschieben und rücken.
So läuft also und strömt auch die Gegenwart aus dem Boiler heraus (nicht nur hinein),
denn NM befindet sich beim Zeichnen (Ausführen dessen, was sie nichtwissend weiß) ganz in der Gegenwart, ist ihr schutzlos (siehe oben) ausgeliefert und kann nicht umhin, sich von ihr, der luftigen Gegenwart sowie von der gegenwärtigen Luft beeinflussen zu lassen. Sie als Teil- und Zwischenstück des jeweiligen Ortes, dessen Wahrnehmung natürlich genauso jede Idee von Erinnerung/Phantasie miteinbezieht, ist unsere Wahrnehmung geprägt von allem was und wie wir es erlebt haben, d.h., diese “Weise” setzt sich fort, so, dass sie diesem um- und in sie strömendem Gegenwarts-Fluss nicht entfliehen kann (Fluss = strömende Gegenwart). Die Linien, die so erzeugt werden, sind Zeit- Arm- und Atemzeugen eines Momentes, der aus einem ganzen Leben herausspringt und tritt, und hier zum Gehäuse, Haus wird, in dem NM beim Zeichnen wohnt (phantastisches Schnecken- und Gegenwarts-Haus). Ein Ausschnitt, bei NM nicht durch flächendeckende Abstraktion verdeckt, um die Gegenwart in die Ewigkeit zu verlegen, sondern, dank der weißen Schläuche, die NM die an sich noch selbständigen (unbändigen) Linien zu ganz bewussten Formen im Nachhinein “hinbiegen machen” (zusammenführen). Ihre Zeichnungen sind keine vorgedachten und im Voraus geplanten Niederlegungen oder Ausführungen, weil sich das Sujet, das Interpretierbare, aus der suchenden Bewegung des Noch-Nicht-Wissen-was-es werden-soll erst ergibt. Ihre Linien sind mutig, weil sie, ohne zu wissen, wo sie laufen werden oder in was sie hineinlaufen werden oder mit was sie zusammenlaufen werden, einfach laufen, um dem noch Unbekannten wissend-unwissend zu vertrauen (sich ihm gegenüberzustellen, auszusetzen), dass die Form sich schon von selbst findet, was dann auch immer wie von selbst geschieht. Und: beim Zeichnen kann nicht radiert werden. Jeder Strich ist direkt abgebildete Gegenwart, der sich NM einfach überlässt und nachgibt. Jeder Strich muss sitzen und sitzt längst. Getrieben vom Druck der dauernd nach- und vordrängenden Hauch-Menge aus dem Boiler sowie vom dadurch und wie eine Glocke angeschlagenen Impuls der Bewegungen in NMs Kopfinneren, Hand und Arm und Stift treiben sie das
Unbekannte kühn und großzügig voran, gewinnen dabei immer mehr Freiheit, bis sich die Linien wie von selbst zu sogenannt Sinnvollem zusammenfügen (noch einmal: Konzentration). Die Linien fallen aus der Zeit heraus, besetzen aber dennoch und ganz konkret einen interpretierbaren Platz in der Gegenwart, der nicht wiederholbar ist und doch nicht reine Form bleibt, sondern ganz bestimmte Zusammenhänge abbildet. Von selbst bringen sie die Räumlichkeit unseres Tuns (Denken, Wegemachen) direkt aufs Papier, ohne jeden Vorsatz (den Satz machen die Linien selbst), das heißt der Vorsatz ergibt sich während des Linie-Bewegens: Ergebnis aus unkalkuliertem Tun und Denken, um, von der Gegenwart, vom jeweiligen Moment in Form gebracht und von der Hauchmenge am nichtwissenden Schweben gehalten, zu etwas zu werden, das die Qualität einer tief verankerten subjektiven Wirklichkeit spielend in eine objektive verwandelt und so die Idee der Wirklichkeit tatsächlich getreu (weit) nachbildet, indem die Möglichkeiten von Interpretation geschickt und leise verpflichtend dem Betrachter vorgeschlagen werden. Die Aussagen, die sich so ergeben, machen es dem Betrachter zuerst leicht, das Gesehene zu benennen, lösen sich aber bald in der Weite der Bewegungen spielend wieder auf.
NM selbst schwebt in der Gegenwart, nimmt nicht wirklich einen Platz ein: die Skizze eines Mechanismus, Kreis- und Ablaufs, auf dem die Figur NM und der beinlose Sessel ruhen, ist vom Figurenhersteller erfunden worden, als Versuch das Unbeschreibbare – die ungeheure Menge, Präzision und Vielfalt des zeichnerischen Werks von NM – dem Betrachter auch nur irgendwie näherzubringen; erklärbar ist sie nicht, aber annähernd zu begreifen, wenn man sich klarmacht, dass der Druck der Hauchmenge sowie der der Gegenwart – endlich und abschließend hier Leben genannt (die endliche Summe unendlicher Jetzt-Momente) – denen NM zeitlebens schutzlos ausgeliefert ist, derart groß ist, dass hier gar nichts anderes geschehen kann, als die ständige Explosion des Zusammenknallens von Hauch-Menge und Gegenwartsdruck in Bewegung umzusetzen, sodass diese konzentriert als auch interpretierbare Linien ausfallen (sonst würde NM + Boiler selber platzen). Im Klartext heisst dies, dass im Falle NMs die Hauchmenge, der Inspirations-Stoff, auch vereinfacht Inspiration genannt, die luftige Gegenwart sowie die gegenwärtige Luft selber ist. Inspiration IST Gegenwart (Luft).
„Das Nicht-Umhin-Können”, Teil der Gegenwart, direkt eingreifendes und somit Leben erleidendes Zwischenstück zwischen Inspiration und Gegenwart zu sein, ist die Quelle, der Boiler, den NM ihr Leben (Leben als unendliche Gegenwart) lang auf dem Rücken trägt und sie nichts anderes tut als DEM nachzugeben. Ein ganzes Leben lang und ohne Pause. Was braucht es mehr?

 

Dieser Text von Gundi Feyrer begleitet ihre Skulptur der Künstlerin von 2012.