Sabine Mainberger

anlässlich der Ausstellung Versteckte Texte, Kurt-Tucholsky-Museum, Schloss Rheinsberg, am 3. September 2022:

(…) Alphabet konnotiert Ganzheit, „von A bis Z“, sagen wir, das Wesentliche: „Alpha und Omega“... Wer das Alphabet beschwört und nicht nur wie wir alle, sobald wir schreiben, seine Bestandteile benutzt, will auf Grundsätzliches, Umfassendes, Elementares, Verbindliches hinaus. Keine Ordnung ist unumstößlicher als die Reihenfolge des Alphabets! (…)
Bei Nanne Meyer haben wir es glücklicherweise nicht mit Ansprüchen auf Totalität und Essenzialität zu tun. Sie befasst sich nicht mit Ur- oder Ungründen, sondern mit guten Gründen: Das sind solche, die ihre Zeichnungen, Beschreibungen und Bemalungen tragen, sich überstreichen, zusammenkleben, falten, zerschneiden, aufhängen, betrachten lassen. Sie sind aus Papier, oft aus bedrucktem, und manchmal, wie in der Serie der Alphabet genannten Arbeiten, aus dunkelgrünem, etwas klebrigem Plastik. Diese rechteckigen Flächen waren einmal eine progressive Version der Schultafel, denn anders als diese sind sie mobil. (…)
Nanne Meyers Alphabete von 2021/22 beruhen alle auf einem vollständigen Satz der Zeichen, aber oft ist er nur unvollständig sichtbar. Ein Teil ist übermalt, und nur einzelne Buchstaben bleiben stehen, manchmal bilden sie ein Wort (wie, Tod/Dot, aber) oder den Namen der Künstlerin (Signatur). Buchstaben überlagern sich (Buchstabieren – Wozu?), invertieren die Laufrichtung (Entgegenkommen), werden falsch miteinander verbunden durch Linien, die sie wie Schnüre aneinanderhängen (Beschreibung) oder sich zwischen ihnen ausspannen zum textil anmutenden Lesegewebe. Wenn die Schlingen der Buchstaben ausgefüllt sind, erscheinen seltsame geschwänzte und geschnäbelte Gestalten, Käfer, Mäuse, Flugwesen (Gezieferalphabet). Immer wieder öffnet sich der Grund, und ausgeschnittene Lettern hängen herunter (Aus der Fläche tanzen); manche verhaken sich ineinander. (…)