Michael Glasmeier

Poetische Flüge. Nanne Meyer mit Jean Paul

Es ist äußerst angenehm, ja schon ein Glück über Nannes Meyers „Nachtflug“ und angelegentlich über einige Gedankensplitter aus dem großen, unerschöpflichen Werk Jean Pauls (1763–1825) in dessen 250sten Jubeljahr nachzudenken. Denn auf subtile Weise verbindet die eigenwillige Zeichnerin (auch sie im Jubeljahr) und der eigenwillige Schriftsteller aus Bayreuth jenseits der paar Jahrhunderte eine Sichtweise, die das Große im Kleinen und das Kleine im Großen zur Darstellung bringt und nicht darauf zielt, alles schön in Folge abzuhandeln. Verdichtungen und Abschweifungen, konkretisierte Endlichkeiten und Ausblicke in das weite All, Erhabenheit und Witz im gleichen Atemzug sind in beiden Werken strategisch, womit nicht gesagt sein soll, dass die eine den anderen illustriert. Vielmehr entdecke ich Koinzidenzen, die überraschen, weil sie in radikaler Unbekümmertheit vom jeweiligen Kunstkanon jenes Überzeitliche offen legen, das nur in einer poetischen Transformation von Wirklichkeit zum Vorschein kommen kann. Das Poetische unterminiert die praktisch pietistischen Fixierungen und Einordnungskräfte, die angeblich den Alltag strukturieren, und weitet stattdessen das Leben der Natur und Dinge ins Unbekannte und Entgrenzende aus, was den schönen Vorteil besitzt, Unabhängigkeit, Leerstellen, Digressionen, vielfältigsten Ansichten vom Gleichen, Kombinationen von Ähnlichkeiten und Unzusammengehörigem, Wiederholungen und Gedankensprünge zu forcieren. (Vgl. Jean Paulhan, „Schlüssel der Poesie”, Köln 1994). Das Leben sprüht in beiden Werkentwicklungen bunt und melancholisch, komisch und gefährlich, rätselhaft und ahnungsvoll zugleich.
Und so wurde ich, als ich in Nanne Meyer Atelier zum ersten Mal die sechsteilige Zeichnung „Nachtflug“ sah, bald an Jean Pauls „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“ erinnert , das 1803 als ein „Komischer Anhang“ zum „Titan“ erschien, jenem antiklassischen Meisterwerk deutscher Literatur. In dieser tragischen Satire erhebt sich sein Held mittels eines Ballons, dessen Korb zudem einen durchsichtigen Boden besitzt, über die deutsche Kleinstaaterei, höfische Dummheit und kriegerische Einfalt, um schließlich nach genauer und angeekelter Betrachtung des allgemeinen Elends am Rheinfall zu Schaffhausen zu zerschellen. Neben aller Boshaftigkeit ist aber jene Sehnsucht spürbar, gerade im Flug in Richtung Erhabenheit zu entfliehen. Auch wenn dies nicht gelingt, glimmen doch immer wieder die stillen Bilder jener Einsamkeit im lautlosen Überflug, die atmosphärisch auch Nanna Meyers „Nachtflug“ auszeichnen und für die Jean Paul im „Titan“ selbst seine poetische Sprache gefunden hat: ”Ach, welche Wonne, so sich aufzureißen von dem zurückziehenden Erdenfußblock und sich frei und getragen in den weiten Äther zu werfen – und so im kühlen durchwehenden Luftbade auf- und niederplätschernd, mitten am Tage in die dämmernde Wolke zu fliegen [...] und im Fliegen Städte nur wie figurierte Stufensammlungen, und lange Ströme nur wie graue, zwischen ein Paar Länder gezogne schlaffe Seile, und Wiesen und Hügel nur in kleine Farbenkörner und gefärbte Schatten eingekrochen zu sehen – und endlich auf eine Turmspitze herabzufallen und sich der brennenden Abendsonne gegenüberzustellen und dann aufzufliegen, wenn sie versunken ist, und noch einmal zu ihrem in der Gruft der Nacht hell und offen fortblickenden Auge niederzuschauen und endlich, wenn sich der Erdball darüberwirft, trunken in den Waldbrand aller roten Wolken hineinzuflattern!...“
(Jean Paul, Titan. Sämtliche Werke. Abt. I, Bd. 3, hg. v. Norbert Miller, Frankfurt am Main 1996, S. 76 f.)

In dieser atmenden Sprache, deren Rhythmik eine wogende Linie ausbildet, erblicke ich eine imaginäre Weite, die still ist bis auf ein Plätschern. Sie ist nicht nur ähnlich jener Weite, die Nanne Meyer mit ihrem ”Nachtflug“ evoziert. Ihre „Gruft der Nacht“, hier geschwärzt durch grundierende Acrylfarbe, bietet den offenen Raum, in dem sich die wellenförmigen Linien von Bergen und Landschaften ausbreiten, ohne den ganzen Raum vollends auszufüllen. So beginnt das Bild selbst zu schweben, zu atmen wie die Sprache des Dichters. Die Linien fließen, gleiten und entwerfen gleichzeitig das Bild einer Landschaftsphantasie. Sie wechseln, wie die Ansichten Jean Pauls, ihre perspektivischen Richtungen und scheinen doch auf ein Ziel gerichtet zu sein. Unter und zwischen diesen Wellen schimmern dann die „figurierten Stufensammlungen“, wie sie vom Dichter bei Tage entdeckt werden. In unserer Moderne leuchten sie auch nachts, glimmen als Kästchen, rotten sich als kontrapunktische Rhythmen zu Stadtlandschaften zusammen, bilden Straßen aus, Dörfer, weiten sich und erinnern in ihrer offenen Eckigkeit an die utopischen Modelle des „New Babylon“ des Situationisten Constant (1920–2005).
(Vgl. Constant‘s New Babylon. The hyper-architecture of desire, hg. v. Mark Wigley, Rotterdam 1998)

Zeichnen und Schreiben, beides Tätigkeiten nicht nur der „denkenden Hand“ (Henri Focillon), sondern vor allem auch der poetischen, hier im Akt des „Niederschauens“. (Vgl. zur Poesiegleichheit von Dichtung und Zeichnung Yves Bonnefoy, Wandernde Wege, München/Wien 1997, S. 111 ff.) Nanne Meyers Gelstift muss exakt senkrecht über der Schwärze positioniert sein, um weiße Linien zu positionieren. Die Künstlerin imaginiert nicht diese Beobachtungshaltung, sie ist eine konzentriert Niederschauende, die das Fließende und die Quadrierungen – wie Giannozzo durch den gläsernen Boden seine Landschaft – zur Erscheinung bringt.
Für uns Modernen finden Nachtflüge nicht mehr im Ballon, sondern in die Zeitzonen durchfliegenden Jets statt. Wenn dann nach dem Wahlmenu die Lichter ausgeschaltet werden, das „Plätschern“ der Kopfhörer und das Flackern der Fernseher einsetzt, das gleichmäßige Getöse der Düsen zum weißen Rauschen wird, dann erleben wir jene Bergschatten und leuchtenden Punkte der Städte in einer Fluggeschwindigkeit, die Nanne Meyer auf ihrem „Nachtflug“ in Ateliergeschwindigkeit zeichnend zur Anamorphose reifen lässt. Die Künstlerin vereint all’ die Weisen des Niederschauens im Zugleich von Transparenz und Blickachsenänderungen zu einem Bild überschaubarer Stille und exemplarischer Einsamkeit.( Vgl. Nanne Meyer, „Die relative Vermessung der Wolke”, hg. von Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2005, Textbeilage). Wir erfahren eine überzeitliche Poesie, in der wir Jean Paul, aber auch uns vor dem erstaunlichen Geheimnis der Landschaft wieder finden können.



Erschienen in: Lass Dich von der Natur anwehen, Landschaftzeichnung der Romantik und Gegenwart, (Kat.) hg. von Anne Buschhoff, Kunsthalle Bremen; Bielefeld (Kerber Verlag) 2013, S. 262–263