Reinhard Ermen
Nanne Meyer


Der Blick von oben, der Blick von der Ferne – vielleicht ist das das kleinste Allgemeine, mit dem man die weitläufige Arbeit von Nanne Meyer (vorläufig) auf einen Punkt bringen kann. Wörtlich kann das nicht immer eingelöst werden, aber in dieser Vogelperspektive steckt ein Stück Distanzierungstechnik. So wie die Eindrücke auf sie einstürzen, so wie die Anlässe sie geradezu zwingen zu zeichnen, können sie nur auf diese Weise geordnet, vielleicht auch in Schach gehalten werden. Denn Nanne Meyer zeichnet unentwegt, sei es, dass sie ihre tagebuchartigen „Blindbände“ fortführt oder Serien weiterentwickelt, wie „Papierperspektive“ und „Luftblicke“, die sie in den letzten Jahren vornehmlich beschäftigt haben. „Luftblicke“, – da ist er wieder, der gleichsam kartografische Blick von oben, der das zu Füßen Liegende nach Maßgabe des Gesehenen aufs Papier übersetzt. Die Technik des Distanzierens meint aber auch, den Abstand wahren, um zusammenzufassen, um Übersichten herzustellen. Das Ergebnis ist ein strukturierter Raum, eine Übersicht, ein zusammengefasster Vorgang in Sichtweite zum Anlass (es geht schließlich nicht um ’Abstraktion’) aber auch die Eroberung einer ästhetischen Eigenständigkeit. Anne Buschhoff spricht von „erinnerten Nachbildern“, und das gilt nicht nur im Zusammenhang mit Meyers ”Luftblicken“. Erinnerung meint bereits einen Verarbeitungsvorgang. Das eigentliche Zeichnen (es geht um eine mediale Reinheit nach dem Prinzip der linearen Fortspinnung) schafft darüberhinaus Klarheit, es konzentriert das Wahrgenommene! Gelegentlich tritt Farbe hinzu, Wolken verdecken, flächiges Weiß kann ganze Räume bis auf kleine, sprechende Reste auslöschen, manchmal collagiert sie auch ’nur’ mit ausgeschnittenen Illustriertenfotos und das Lineare zieht sich auf die Schnittkanten zurück. Die gezeichnete Linie, das ist hier der Moment, in dem die gefühlten und die kalkulierten Summen des Gesehenen zusammenkommen.
Nicht nur die kartografischen Blicke bestimmen ihre Arbeit. Übersichten stellen sich durch Themen und Serien her. Sie formulieren sich in „Wortbildern“ und kommen sprichwörtlich vom Hölzchen aufs Stöckchen oder sie sind schon mal in Sterbe- und Arbeitszimmern bedeutender Figuren („Zwölf Zimmer“ 1988) gewesen und haben dort das Inventar mit dem Buntstift auf dem weißen Blatt freigestellt. Nanne Meyer, die seit über dreißig Jahren als Zeichnerin (und das ausschließlich) unterwegs ist, bekennt sich ausdrücklich auch zu dieser genuinen Darstellungsqualität des Mediums ihrer Wahl. Manchmal droht diese Erinnerungsarbeit freilich ins Entzückende umzukippen, etwa in den Kinder- und Mädchenbildern von „Zinnober“ (2000–05), doch das Ausreizen des eigenen virtuosen Potentials gehört zum Spiel mit dem Feuer, das diese Arbeit auszeichnet. Ohnehin fängt ein analytischer Gegenzug die Lust der Wahrnehmung auf, besser: stellt sie in einen synthetisierenden Kontext, der in den Serien fast zu thematischen Versuchsanordnungen findet. Analyse meint auch den ständigen selbstreflexiven Blick auf das eigene Tun. Was kann eine fundamentale Gattung wie die Zeichnung als eine sich selbst in die Sorge nehmende Bildlichkeit leisten? „Im Anbeginn ist die Verzeichnung der Erde, / Nachzeichnen vor aller Zeit“, so beginnt Michaela Ott ein lyrisches Poem über die Künstlerin und trifft damit durchaus den globalen, ja archaischen Anspruch ihrer Wahrnehmungs- und Archivierungsarbeit. Dass der mit einem einzigen Zugriff, man könnte auch etwas ungenau ’Stil’ sagen, nicht zu bewältigen ist, versteht sich von selbst. Nanne Meyer ist eine Universalistin der vielen Sprachen ihres Mediums, von der fließenden Lineatur einer freien Phantasie über die assoziativen Verwechslungstechniken des ironischen Formenspiels bis zur bauchigen Fülle der ”Wolkenbilder“, um nur einige Zugänge zu nennen.
Und es gibt Serien, in denen Momente des Zufälligen und Spielerischen mit einem fast schon kosmischen Moment zusammenkommen „Das neue Welterlebnis“ (2003/04); ein längst vergessenes, zufällig gefundenes Buch mit eben diesem Titel von Peter Supf, „Ein Buch vom Fliegen“ aus dem Jahr 1932 hat sie dazu eingeladen. Die eigentlichen Inhalte erscheinen zweitrangig angesichts eines Verfahrens, das alle Textseiten mit Weiß fast auslöscht und nur (wahlverwandte) Schlüsselworte frei stehen lässt, wie Luft, Wolken, Nebel oder Wind. Die ausgeatmeten Begriffe verbindet Nanne Meyer mit schwarzen, geraden Linien; an jedem Wort hängt ein roter Punkt. Zeichnerisch ist dieses Verfahren nur noch proforma. Das analytisch anmutende, letztlich aber freischwimmende Gebilde erinnert an Landkarten, ja, an Milchstraßensysteme, zustande gekommen durch formstrenges Handeln und selektierendes Sehen.

Erschienen in: Zeichnen zur Zeit, Kunstforum International, Bd. 196, April/Mai 2009, S. 214–217.