Erinnern, Vergessen, Zeichnen
An manches kann man sich einfach nicht erinnern, anderes hingegen nicht vergessen, scheinbar Unwichtiges behält man, angeblich Wichtiges hingegen nicht, manches kann man sich einfach nicht merken. Gibt es Erinnerungen, die ich vergessen haben? Es gibt Erinnerungslücken, black outs, Eselsbrücken, und im 5. Jahrhundert v. Chr. erfand Simonides die Gedächtniskunst. Wo ist der Ort der Erinnerung? Im Kopf, im Bauch, im Herzen? Wir lernen etwas auswendig, wenden etwas nach außen. Auf Englisch sagt man ’by heart‘, dort lernt man mit dem Herzen.
Was macht die Erinnerung mit den Begebenheiten? Sie verwandelt was war, indem sie es beschönigt, konstruiert, verklärt, verdrängt, erfindet, verzerrt, vernichtet ...
Erinnerungen können beglücken, quälen und auch krank machen. Die Erinnerung ist keine Vorratskammer, sondern ein sich verändernder lebenslanger lebendiger Prozess. Das Wesen der Erinnerung ist die Differenz der Erinnerung zum Erinnerten, zu dem, was war.
Zeichnen ist Erinnern. Die meisten zeichnerischen Tätigkeiten sind ohne Erinnerungsvermögen nicht zu bewerkstelligen. Manche eingefahrene Gewohnheit und verinnerlichte Kenntnis würde man dabei auch gerne vergessen, das wäre allerdings noch ein anderes Thema. Zeichnen kann Erinnerungen provozieren, aufs Papier locken, aber auch hier hat man es stets mit der Differenz von Erlebnis und Erinnerung zu tun, dazu kommen die Unzulänglichkeiten, diese Differenz zu visualisieren.
Beim Zeichnen hat man außerdem mit einer anderen Art des Erinnerns zu tun, die nicht in die ferne Vergangenheit führt, die man eher mit Zwischenablage und Transformation beschreiben könnte. Zeichnen ist ein ständiges Vermitteln von mindestens drei Realitäten: der da draußen, der im Kopf und der auf dem Papier. Den gleichen Stuhl vor Augen, würden dreißig Zeichner dreißig verschiedene Stühle zu Papier bringen. Der Bruchteil einer Sekunde, in der das Gesehene im Gedächtnis aufbewahrt, erinnert, gedeutet wird und von dort aufs Papier gelangt, ist entscheidend und für mich nicht ohne Magie.
Erinnerungen lassen sich nicht vollkommen lenken. Beim Zeichnen kann man lediglich Bedingungen schaffen, damit sich Erinnerungen, verknüpft mit Gegenwärtigem, auf dem Papier wiederfinden können. Zeichnend kann man Beobachtungen, Nebensachen, kleine Begebenheiten vor dem Wegsacken ins Verflüchtigen auf das Papier retten. Kleine Erinnerungsinseln im Weiß des Vergessens.
N.M.