Ein Stuhl ist keine Zeichnung

»Dies ist keine Pfeife« ist ein alter Hut, den ein Zeichner auf jeden Fall tragen sollte, um vor den Verwicklungen zwischen Bild und Begriff auf der Hut zu sein. Zeichnen ist schreiben. Zeichnen ist eine Form zu denken. Der Hut hat eine Form, die zu denken gibt. Hüte sollte man solange zeichnend bekreiseln, bis die Melone zur Pflaume zum Zylinder zum Kaninchen wird. Was paradoxerweise Kaninchen und Zeichnung, Wirklichkeit und Papierleben verbindet, ist die Linie. Ein wirkliches Kaninchen wird jedoch nicht von einer Linie umschrieben (sich darin zu verfangen, hieße die Form zu verlieren). Umso erstaunlicher ist es, dass jeder die lineare Umrisszeichnung eines Kaninchens als solches erkennt. Es ist keine Pfeife, sondern die Abstraktionsleistung des menschlichen Hirns, das da raucht und arbeitet, um Gegebenheiten aufeinander zu beziehen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Dass aber das Uneigentliche das Eigentliche sei, ist eines der schönsten Drehungen, die Leben und Zeichnen verbindet.

Der Künstler ist anwesend
Das heißt er ist dabei (sie auch). Ist er nicht bei, sondern in der Sache, ist der Künstler abwesend. Das sind seltene, glückliche Momente.
Zeichnen heißt: Im Begriff sein, aus etwas etwas anderes machen, alles mit allem verbinden, alles voneinander trennen. Was ist eine Krempe ohne Hut? Was macht eine Linie, die die Leere einkreist? Kann ein Kreis eine Krempe sein?
Zeichnen heißt: Den Hut ziehen, Linien ziehen, Linien abbrechen, verknoten, laufen lassen, Hüte über den Haufen werfen, das Ernste spielerisch tun, das Beiläufige ernst nehmen und Konzentration mit Leichtigkeit verbinden.

N.M.
Erschienen in: »Nanne Meyer. Zeichnung», Ostfildern (Cantz) 1995.