Wie kriegt man etwas aufs Papier?


»Alles ist ständig in Frage gestellt, wenn man wie wir ständig die weißen Blätter vor sich hat, das Unbekannte.« (André Thomkins)

Wie kriegt man etwas aufs Papier? Wie kommt etwas von hier nach da? Das sind zunächst zwei Fragen, die Frage nach dem Etwas und die nach dem Transport. Welches Etwas verhakt sich im Blickfeld, irritiert die Gedanken dergestalt, dass es Auslöser wird für einen kleinen Ausflug oder eine große Reise?
Etwas, das war, und sich mir jetzt als Stückwerk im Verweis auf Gewesenes zeigt, oder etwas, das noch werden sollte, aber nie weitergeführt wurde, fallengelassene Absichten, verblichene Ansichten: ein Bild, ein Blick, ein Wort, eine Nebensache, ein Text, ein Erlebnis, eine Ahnung, Reste, Splitter, Schnipsel, Scherben ...
Was immer es sein mag, es zeigt sich nur durch meine Aufmerksamkeit, indem ich es wahrnehme. Das Transportmittel, ob ich nun fliege oder schwimme, ist das Zeichnen.
Von hier nach da kommt etwas durch Bewegung. Ich muss also aufbrechen mit der Zuversicht zumindest vorübergehend anzukommen, d.h. ich muss im Aufbrechen schon ankommen ohne zu wissen wie und wo. Diese Unsicherheit ist die Heimat des Zweifels, ein steter Reisebegleiter. Damit das Zweifeln produktiv bleibt, d.h. die Bewegung antreibt, anstatt sie zu lähmen, sollten die bereits fertigen Antworten und festen Urteile zunächst zurückgelassen werden zugunsten eines beiläufigen, schweifenden, federnden Denkens, das im Wechselspiel zwischen Kopf und Hand die Bewegung des Zeichnens leitet, die Linie losschickt, um im Weiß des unbekannten Gebiets Wege zu bahnen, Grenzen zu ziehen, Formen zu finden bis ein Ort entsteht, der dem Etwas eine Möglichkeit bereitstellt sich einzufinden. Hier kann auch die schwere Masse der Gedanken abgeholt werden, um an neuem Ort die Gegenstände auf andere Weise einzuwickeln oder freizulassen als gewohnt.
Zeichnend wird das Perfekte zerbröckelt und das Zerbröckelte ergänzt. Ein Netz wird entworfen, das Gedanken und Dinge noch einmal anhält und schimmern lässt, bevor sie sich endgültig ins Wegsacken verflüchtigen. So nimmt im Zusammenspiel von Form und Zwischenraum, Bewegung und Stillstand, da und nicht-da, schwer und leicht, das Etwas allmählich Abschied von seiner Unbestimmtheit und gewinnt an Gestalt und Kontur.
Zeichnungen sind Ausgrabungsstätten, Gedächtnisstützen, blinde Flecken.

N.M.