Gedanken zum Zeichnen

Zeichnen ist Tätigsein. Es führt zu nichts, weil jede Linie irgendwann aufhört. Das hat die Linie mit dem Leben gemeinsam. Für das Zeichnen spricht also genau soviel oder wenig wie für das Leben selbst – und es hat entsprechend vielfältige Erscheinungsformen.

Zeichnen ist Weglassen. Und die Welt ist voll. Was oder wie wenig muß man tun, um das, was da ist durch Hinzufügen oder Weglassen, durch Verdecken, Verschieben, Drehen oder Wenden, einer Erkenntnis zuzuführen, die vielleicht immer schon da, aber verstellt war? Die Welt ist voll von Bildern, die die Welt sehen, voll von fremden Vorräten, von tausendfach gesehenen Bildern, die das Leben vorzeichnen, die man wieder ausradieren und zeichnend entrümpeln und belüften kann, um wieder sehen zu können.

Zeichnen ist immer wieder der Versuch zu lüften, Abgestandenes in Bewegung zu setzen, für Austausch zu sorgen. Was vordergründig nichts miteinander zu tun hat, kann zeichnend aufeinander bezogen werden. Es mischen und überlagern sich Bedeutungs-, Form- und Größenverhältnisse. Alles wird gleich wichtig oder unwichtig, hierarchische Strukturen lösen sich auf, festgefahrene Bedeutungszuweisungen geraten in die Schwebe. So wird das, was sich für mich in der Sichtbarkeit und dahinter verbirgt, durch Zeichnen transparent. Die Zeichnung als Fragefeld und Schwebezustand.

Zeichnen ist Denken. Zeichnung ist transformierte Energie. Von den Materialien her, ist Zeichnen unaufwändig. Was man zeichnend in Gang setzt, kann allerdings sehr komplex sein. Tisch, Stuhl, Bleistift und Papier können zu einer Art Trafostation werden: Energie wird transformiert in Gedanken, Vorstellungen, Geistesblitze, Zeichnungen.
Beim Zeichnen geht darum, nicht aber darauf zu, d.h. es gibt kein Ziel, lediglich ein Ende. Hier treffen sich Leben und Zeichnung.


N.M.