Dinge in der Luft verstecken

An einem Bild, das immer da hängt, geht man achtlos vorüber. Ist es aber plötzlich nicht mehr da, wird das blasse Rechteck, das an der Wand zurückbleibt, zum Feld, das die eigene Wahrnehmung gleich einem blinden Spiegel reflektiert.
Ob es ein Stück Tapete ist, das auf ein Bild, oder eine Scherbe, die auf eine Gefäß verweist – ich versuche die Dinge in der Luftigkeit meiner Vorstellungswelt wieder zu beleben. Was vollständig ist, braucht solche Möglichkeiten nicht.
Möglichkeit ist jedoch Wirklichkeit. Zeichnen ist weglassen. Und die Welt ist voll. Zeichnend versuche ich die Sichtbarkeit zu entrümpeln, etwas zu belüften. Was zuviel ist wird verdeckt, in der Luft versteckt.
Der Verstand führt sich die Dinge vor Augen, und indem er sich zwischen sie zeichnet, setzt er sich mit ihnen auseinander, setzt sie voneinander ab. So entstehen Luft- und Zwischenräume, Leerstellen und Lücken, die den Dingen Kontur und dem Einfall Raum geben, damit er fallen kann.
Das Blatt Papier ist der Ort, wo die Schnipsel aus meinem Blickfilter, Erinnerungsfragmente und Gedankensplitter landen, wo ich sie zeichnend zusammen- und damit gleichzeitig auseinanderführe. Das, was fehlt, was sich zwischen Nichtmehr und Nochnicht im Weiß des Papiers aufhält, ist da als stete Möglichkeit, der Imagination Luft zu machen. Aber viel schöner hat es John Cage gesagt: «Each something is the celebration of the nothing, that supports it.«

N.M.
Erschienen in: »Dinge in der Luft verstecken«, (Kat.) Lenbachhaus München, 1998.