Vorrat und Grenzen
Man kommt auf die Welt und findet alles vor: Da sind Menschen, Tiere, Dinge, Wolken, Musik, die Sprache, die Jahreszeiten, Eltern, Möbel, Uhren, Tag und Nacht, Geld, Bäume, usw.
Einiges findet man selbstverständlich, vieles jedoch nicht.
Und so staunt man über Gesten und Gebärden, über die Sprache, über Benennungen, über das Verhältnis von Bild und Begriff, über das, was Verständigung möglich bzw. unmöglich macht.
Zeichnen ist eine Möglichkeit einen Rest der Welt zu verstehen und damit einen Zipfel von sich selbst. Sachen sehen und wieder verlieren. Zeichnen als aneignen, orientieren, ordnen, vergewissern. Um mich herum ein unerschöpflicher Vorrat, in und mit mir begrenzte Möglichkeiten. Vorrat und Grenzen zünden die Reibungsenergie des Anfangs.
Wie auch sonst, gibt es beim Zeichnen mehr Fragen als Antworten. Fragen brauchen Formen, Formen für die Fremdheit, die Befremdlichkeit, das Dazwischen und Daneben, Formen für Abfall und Ausschuss, für die Zwischenräume des Alltags.
Zeichnen ist Bewegung, ist Methode, Konzept, Vorgabe, Regelwerk, Prozess, Zeit, Energie. Vergänglichkeit, Wirklichkeit – ist Denken, Erfahren, Nichtwissen Erfinden, in Beziehung setzen, Verbinden.
Zeichnen schöpft aus dem Reichtum als auch aus dem Mangel, dem Defizit, der Differenz.
Zeichnen ist Überschuss und Zweifel, ist Abweichen, und Querdenken, das dem Unerwarteten und Unvorhergesehenem Raum gibt. Unsicherheit öffnet mehr Möglichkeiten und Erfahrungen als Sicherheit. Zeichnend sollte man es sich nicht allzu gemütlich machen. Das Papier ist kein Ruhekissen, Zeichnen ein Springen vom Wissen ins Nichtwissen und umgekehrt.
N.M.